FARBE BEKENNEN

 Warum wohngesund mit den meisten Anstrichstoffen nicht funktioniert!

 

 

Was wirklich drin ist in Farben und warum auch Silikatfarben nicht zwangsläufig für Wohngesundheit stehen sind Fragen, welche wir Ihnen mit diesem Beitrag beantworten werden.

Wer sich für eine nachhaltige und wohngesunde Bauweise entscheidet, muss sich auch mit dem Thema Anstrichstoffe mehr als nur oberflächlich beschäftigen.  An Hand von zwei Farb-Rezepturen betrachten wir die zwei am häufigsten verarbeiteten Anstrichmittel. Wir sehen uns an, welche Giftstoffe enthalten sind und wie auch bei den Farben durch „Etikettenschwindel“ der Verbraucher hinters Licht geführt wird.

 

Schadstoffe

Es hat sich viel getan in den letzten Jahren in Bezug auf Schadstoffe in Baumaterialien. Dennoch gibt es einiges zu beachten auf der Suche nach wohngesunden Produkten. Fakt ist: Gütezeichen sind keine wirkliche Hilfe bei der Wahl der Baustoffe und somit auch Farben. Dies ist aber ein anderes Thema und wird in einem unserer nächsten Beiträge behandelt.

Für mich gibt es drei Gefahren, die in Anstrichstoffen lauern. VOCs: Stoffe die ausgasen; Biozide: Stoffe die z.B. durch Regen ausgewaschen werden und Mikroplastik. Der Übergang der einzelnen Gruppen ist fließend, aber so besser zu verstehen.

 

VOC

Die Abkürzung VOC (Volatile Organic Compounds) steht für flüchtige organische Verbindungen, die gas- oder dampfförmig in der Luft vorkommen. Dabei handelt es sich um eine Vielzahl von natürlichen oder synthetischen Stoffen, die bereits bei Raumtemperatur aus Baustoffen und Produkten (Möbel, Bodenbeläge usw.) ausgasen.

Um die Gefahr bei Farben einzudämmen gibt es die Decopaint-Richtlinie, die vorgibt welche Mengen an ausgasenden Stoffen in Farben und Lacken enthalten sein dürfen. Bei matten Innenwandfarben sind das 30 g VOC pro Liter, bei glänzenden (z.B. Latexfarben) 100 g/Ltr. und bei Fassadenfarben 40 g/Ltr.

Ausgenommen von der Regelung sind Beschichtungsstoffe für Möbel. Hier dürfen Farben und Lacke eingesetzt werden, die deutlich mehr VOC enthalten.

Zu den VOC gehören:

  • Alkohole: Ethanol, Propanol, Isopropanol, Isobutanol, Phenol, Oktanol
  • aliphatische Kohlenwasserstoffe: Hexan, Heptan
  • aromatische Kohlenwasserstoffe: Benzol, Toluol, Styrol, Naphthalin
  • chlorierte Kohlenwasserstoffe: Tetrachlorethen, Chlornaphthaline, Chloranisole
  • Aldehyde: Acetaldehyd, n-Hexanal, Acrolein
  • Ester: Ethylacetat (Essigsäureester), Texanol
  • Glykoläther: Ethylcellosolve, Phenoxyethanol
  • Ketone: Propanon (Aceton), Butanon, Hexanon
  • Säuren: Ethansäure, Butansäure
  • Terpene: Limonen, Campher, Menthol

Achtung! Stoffe deren Siedepunkt bei über 250 °C liegen, werden nicht als VOC angesehen. In der Praxis wird dieses Schlupfloch von Chemikalien-Herstellern genutzt, um ihre Produkte der Farben- und Lackindustrie schmackhaft zu machen.

Würde der Einfallsreichtum genutzt werden um die Welt zu verbessern, wären meine Texte überflüssig.

 

Biozide

Biozide (Fungizide, Insektizide und Bakterizide) werden bei lösemittelfreien Farben zugesetzt, um lebende Organismen abzutöten und um das Produkt haltbar zu machen.

Im Fassadenbereich werden wasserlösliche Biozide eingesetzt, denn nur so können diese von Algen und Pilzen aufgenommen werden. Dies bedeutet natürlich auch, dass diese Biozide ausgewaschen werden und somit das Grundwasser gefährden können. Laut Aussage vom „Bundesverband Farbe Gestaltung Bautenschutz“, ist dies kein Grund für Alarismus, weil die Werte deutlich unter den Grenzwerten für Trinkwasser liegen. Bei einer einzelnen Fassade mag das vielleicht zutreffen, aber bei deutlich über 5.100 Millionen Quadratmeter Fassadenflächen in Deutschland, kommt einiges zusammen, auch wenn vielleicht „nur“ die Hälfte davon mit biozidhaltigen Farb- oder Putzsystemen beschichtet wurden. Selbst wenn nur ein Bruchteil der enthaltenen Biozide (Biozidkonzentration pro m² Fassadenfläche 0,3 g/m² bis 4,0 g/m²) ausgewaschen wird, ist das der Mount Everest der Giftstoffe.

Bei Farben für den Innenraum schaut es nicht besser aus. Hier werden Biozide eingesetzt um diese Farben vor mikrobiellem Befall zu schützen. Eingesetzt werden z. B. Formaldehydabspalter die, sobald ein mikrobieller Befall eintritt, krebsverdächtiges Formaldehyd bilden.

 

Mikroplastik

Viele Baustoffe enthalten mittlerweile Mikrokunststoffe, egal ob fest oder flüssig, um die Produkteigenschaften zu “verbessern“. Diese sind biologisch schwer abbaubar und gesundheitsschädlich. Zudem können sich Schadstoffe an diese Kunststoffteilchen heften, die dann über die Nahrungskette von Tieren und Menschen aufgenommen werden.

Wenn wir uns die Rezeptur der Dispersionsfarbe ansehen, kommen wir auf einen Kunststoffgehalt von über 150 g pro Liter. Wer mit dieser Farbe ein normal großes Kinderzimmer (Grundfläche 16 m²) streicht, schmiert fast 2,5 kg Mikrokunststoff an die Wand- und Deckenflächen und schon beim Auswaschen von Pinsel und Walze wird ein Teil davon an uns alle, (vielen Dank dafür) weitergegeben. Der Rest folgt, wenn später mal renoviert wird und die beschichtete Tapete oder der Putz auf der Deponie landet.

 

Dispersionsfarben

Auch wenn unter dem Oberbegriff Dispersionsfarbe eine Vielzahl flüssiger Farben und Lacke vereint werden, geht es hier um die handelsübliche Wandfarbe, die jeder aus dem Baumarkt kennt. Die genaue Bezeichnung wäre Kunststoffdispersionsfarbe aber der Einfachheit halber bleibe ich beim umgangssprachlichen Begriff Dispersionsfarbe.

Dispersionsfarben sind Farben, in denen das Bindemittel (Kunstharze) fein verteilt (dispergiert) in Wasser vorliegt. Durch Verdunsten des Wassers verkleben die Kunststoff- und Pigmentpartikel und bilden mit Hilfe von Chemikalien den Bindemittelfilm. Je nach Rezeptur entsteht so ein dampfdichter Anstrichfilm, der sich nur mangelhaft mit dem Untergrund verzahnen kann.  So entstehen Flächen, die wenig zu einem wohngesunden Raumklima beitragen, da diese durch die beschichteten Untergründe versiegelt werden und somit nicht mehr atmungsaktiv sind. Zudem enthalten Dispersionsfarben Biozide, Additive und jede Menge Mikrokunststoffe.

Leider gehören Dispersionsfarben wegen der leichten Verarbeitung, der vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten (Farbgebung, Effekte*) und dem günstigen Preis zu den am meisten verwendeten Anstrichmaterialien.

 

(* Effekte: Der VOC-Grenzwert von Multicolorbeschichtungsstoffe 100 g/Ltr. oder Beschichtungsstoffen mit Dekorationseffekte 200 g/Ltr. liegt deutlich höher als bei einer weißen Dispersionsfarbe 30 g/Ltr.)

 

Rezeptur Dispersionsfarbe für Innen

  • Wasser 28 %
  • Verdickungs- und Bindemittel 0,35 % (Hydroxyethylcellulose)
  • Dispergiermittel 0,6 % (Natriumpolyphosphat)
  • Dispergiermittel für Pigmente 0,1 % (2-Amino-2-Methyl-1-Propanol)
  • Dispergiermittel 0,35 % (Polyacrylsäureester)
  • Entschäumer 0,2 % (Kombination aus modifizierter, nichtionogener Fettstoffe, hydrophober Kieselsäure und Weißöle
  • Konservierungsmittel (Biozid) 0,1 % (Isothiazolinonderivat)
  • Füllstoff 2% (Natriumaluminium-Silikat)
  • Pigmente 8 % (aus Aluminium- und Zirkoniumverbindungen)
  • Füllstoff 7 % (Talk)
  • Füllstoff 42,5 % (Calciumcarbonat)
  • Verdickungsmittel 0,1 % (modifizierter Ethylenoxidurethan)
  • Organisches Bindemittel (Dispersion) 10,5 % (auf Basis von Vinylacetat und Ethylen)

(Bitte die Prozentangaben mit ca. 1,6 multiplizieren, da die Zugabe der einzelnen Bestandteile nach Gewicht erfolgt.)

 

Silikatfarben

Silikatfarben, das ‚Gelee Royale‘ unter den Farben oder doch nur eine Möglichkeit den Bauherren ein gutes Gefühl zu verkaufen? Rein mineralisch, atmungsaktiv, frei von Bioziden, verbindet sich untrennbar mit dem Untergrund …! Grundsätzlich stimmen diese Aussagen aber in der Realität werden meist Dispersions-Silikatfarben mit diesen Eigenschaften angepriesen. So schließt sich der Kreis und ich komme noch mal zu meiner Aussage von Anfang des Beitrags, Etikettenschwindel.

Wer bei Google Silikatfarbe eingibt, erhält 162.000 Treffer zu dem Thema und gleich an erster Stelle erscheint eine „Silikatfarbe“, die im Baumarkt erhältlich ist. Laut Datenblatt mit folgenden Inhaltsstoffen: Acrylatdispersion, Silikat mit organischen Stabilisatoren, Titandioxid, Talkum, Kreide, Additive, Wasser.

Ich nenne es Etikettenschwindel, weil laut DIN 18363:2019-09 Silikatfarben wie folgt definiert werden: Silikatfarben müssen aus Kaliwasserglaslösungen und kaliwasserglasbeständigen Pigmenten bestehen und dürfen keine organischen Bestandteile, z. B. Kunststoffdispersionen enthalten. Alles andere sind Dispersions-Silikatfarben, die auch so benannt werden müssen, damit der Verbraucher weiß was er kauft.

 

Rezeptur Dispersions-Silikatfarbe

  • Wasser 158,0 g
  • Verdickungs- und Bindemittel 2,0 g (Hydroxyethylcellulose)
  • Verdickungsmittel 1,0 g (Xanthan Gum)
  • Kalilauge 1,0 g
  • Dispergiermittel 18,0 g (Polyacrylsäureester)
  • Pigmente 100,0 g (Titandioxid)
  • Organisches Bindemittel (Dispersion) 80 g (Styrolacrylat)
  • Füllstoff 100,0 g (Talk)
  • Bindemittel 250,0 g (Kali – Wasserglas)
  • Füllstoff 270,0 g (Calciumcarbonat)
  • Filmbindehilfsmittel 5,0 g (Polyacrylsäureester)
  • Verdickungsmittel 2,0 g (Polyacrylsäure)
  • Entschäumer 3,0 g (Polysiloxan, synthetischer Polymere)
  • Hydrophobierungsmittel 10,0 g (Zusammensetzung aus Triethoxy(2,4,4-trimethylpentyl)silan, Cetrimoniumchlorid und 1,2-Benzisothiazol-3(2H)-on

 

Es gibt sie aber: Silikatfarben, die zu empfehlen sind und die für nachhaltige und ökologische Bauweise stehen. Das sind zum einen die Rein-Silikatfarben, die nur aus Wasserglas, Pigmente und verkieselungsfähigen, mineralischen Füllstoffen bestehen. Diese enthalten keine organischen Anteile und sind frei von Lösemittel, Bioziden und Konservierungsstoffen. Für Fassaden, auf mineralischen Untergründen, ist das für mich die beste Wahl.

Als zweite Variante, der zu empfehlenden Silikatfarben, möchte ich die Aktivsilikatfarben nennen. Diese sind hinsichtlich dem Bindemittel Kaliwasserglas identisch mit einer Rein-Silikatfarbe und unterscheiden sich nur durch die 5% Additive und Hilfsstoffek, die beigemischt werden. Aktivsilikatfarben verkieseln mit mineralischen Untergründen und sind sehr farbtonbeständig.

 

 

Mehr zum Thema Innenwandfarben und welche Farben für wohngesunde Bauweise stehen, erfahren Sie in unserem nächsten Beitrag.

Über Ihre Erfahrungsberichte oder Fragen zum Thema „Anstrichmittel“ freue ich mich. Gerne beantworte ich alle Kommentare, die Sie mir zukommen lassen. Darüber hinaus darf auch gerne unser Forum genutzt werden um eine breitere Masse zu erreichen.

 

Stellvertretend für das gesamte Natürlich Kalk®– Team grüßt Sie

Gerold Engist